Sonya Figueredo

«Ich bin nie einfach da, ich bin stets präsent»

Für Sonya Figueredo bedeutet die Balance zwischen der Arbeit und dem Beruf zu finden, sich nicht zu verzetteln. Sie versucht immer, alles, was sie tut, mit Hingabe zu tun. Anwältin sein, Mutter sein, Kapitänin sein. Das ist ihre Strategie für ein glückliches Leben.

«Es gibt Momente im Leben, die entscheidend sind. Und du weisst im Moment selber, dass das Leben gerade jetzt eine Wendung genommen hat. Dir wird auf einen Schlag klar: Mein Leben hat eine neue Richtung eingeschlagen. Es gibt in meinem Leben eine Reihe solcher Schlüsselmomente. Nie bin ich mehr bei mir selber, nie klarer, als in diesen Momenten.

Mit 14 bin mit meiner Familie nach Genf gezogen. Wir lebten damals in Bulgarien am Meer. Seit wir weg sind, zieht es mich ans Wasser; Wasser bedeutet für mich Heimat. Es war eigentlich ein logischer Schritt, irgendwann auf das Wasser zu gehen. Wir leben im Dorf, wir möchten dazugehören, deshalb kamen wir zum Segelclub. Der Hafen hier ist ein Treffpunkt, unsere Freunde sind hier, unsere Kinder lernen ebenfalls Segeln.

Priority 4 quer
Priority 4 quer

Kapitänin. Das Bild gefällt mir. Ich versuche, das Ruder in der Hand zu halten, meinen Kurs zu bestimmen. Das mag ich auch an meinem Beruf, wenn es gelingt, eine Situation unter Kontrolle zu haben, wenn ich die Richtung vorgeben kann, wenn sich zeigt, dass eine Strategie verfängt. Mitsegeln oder auf einem Motorboot mitfahren? Nein. Ich will segeln oder das Motorboot steuern. Also schrieb ich mich für die entsprechenden Kurse ein, lernte die Theorie, machte die Prüfungen, erkannte im Bootfahren eine neue Herausforderung. Eine, die nur mir alleine gehört.

«Das Bootfahren ist eine neue Herausforderung für mich. Eine für mich und nur für mich allein.»

Früher bin ich Gleitschirm geflogen, behältst du da nicht die Kontrolle, bist du verloren. Mit der Geburt meiner Tochter lernte ich eine mir bis dahin komplett fremde Art von Angst kennen: Ich verliere nicht gerne den Boden unter den Füssen. Im übertragenen Sinn ebenso wie wörtlich. Und so habe ich mich wieder dem Wasser zugewandt.

Die Balance zwischen der Arbeit und dem Beruf zu finden, bedeutet für mich, mich nicht zu verzetteln. Ich versuche immer, das, was ich gerade mache, zu 100 Prozent zu machen. Mit meinen beiden Kindern, mit der Familie, bei der Arbeit. Ich bin nie einfach da, ich bin stets präsent. Ich glaube, das ist mein Ziel und meine Strategie für ein glückliches Leben.

Am Ende des Tages, mitten auf dem See, das ist mein liebster Moment, mein liebster Ort. Die absolute Ruhe, das spiegelglatte Wasser, diese unendliche Schönheit um dich herum. Nimmt im Alltag der Stress überhand, dann flüchte ich in meine «Bulle de Calme», in meine Bubble der Ruhe. Ich versetze mich in den Zustand auf dem Wasser, es schaukelt ein bisschen, ich bin ganz im Moment, ganz bei mir.»

Sonya Figueredo

arbeitet seit Oktober 2019 als Steueranwältin bei Walder Wyss in Genf. Sie stammt aus einer Ärztefamilie – Mutter Ärztin, Vater Arzt, Bruder Arzt – und sollte eigentlich ebenfalls Ärztin werden. Sie trug sich an der Universität Genf für das Medizinstudium ein. Nach einer schlaflosen Nacht ging sie nochmals in das Immatrikulationsbüro, liess ihren Namen bei den Medizinern streichen und schrieb sich für das Jusstudium ein; sie schlug ihren eigenen Kurs ein.